Interview mit Wilfried Tursch

Interview mit Wilfried Tursch

28.02.2026 | Allgemein

Quo vadis, Regionalliga West?

Hallo Herr Tursch, vor dem Halbfinale der Regionalliga West freuen wir uns über ein Gespräch zu aktuellen Themen rund um die Regionalliga West, die Ice Aliens und die Personalie Tim Brazda.

Zur aktuellen Lage bei den Ice Aliens:

Seit Frank Gentges als Chef-Trainer und Sport-Manager verantwortlich für den sportlichen Bereich ist, erleben wir in Ratingen eine sehr positive Entwicklung. Vizemeister in seiner ersten Saison und anschließend zwei Meisterschaften in Folge in der Regionalliga NRW/West. Und nun stehen wir in dieser Saison wieder im Halbfinale. Das ist eine enorme sportliche Leistung, auch von der gesamten Mannschaft. Davor ziehe ich meinen Hut und zolle allen den höchsten Respekt. Leider haben wir im Bereich Zuschauer in Ratingen noch nicht den gleichen Erfolg, unsere Zuschauerzahlen haben sich kontinuierlich nach oben bewegt, sind allerdings noch längst nicht dort, wo die Mannschaft es verdient hätte und wir vom Vorstand es uns wünschen. Da ist noch viel Luft nach oben. Mit der Unterstützung unseres Fanclubs „Supcom“ konnten wir die Sichtbarkeit der Ice Aliens in Ratingen deutlich erhöhen, dafür bedanken wir uns alle sehr herzlich. Wir werden alle gemeinsam überlegen, wie wir uns in Zukunft noch besser und breiter in Ratingen präsentieren können. Da wartet noch einiges an Arbeit auf uns. Hierzu fehlt uns aber wie in vielen Vereinen weitere notwendige Manpower, die sich gerne ehrenamtlich im Verein engagiert.

Zur Situation in der Regionalliga:

Ich sehe die derzeitige Situation in der Regionalliga sehr kritisch. Mit der Aufnahme des neuen Essener Vereins durch den Landesverband ist so ziemlich alles aus den Fugen geraten. Essen beschäftigt viele Profispieler zu horrenden Konditionen, dadurch gibt es mittlerweile eine Drei-Klassen-Gesellschaft in der Regionalliga, in der die Ice Aliens weder als Sekt noch als Selters mittendrin hängen, doch dazu gleich mehr. Ich wundere mich nicht, wenn wir einige Vereine der jetzigen Regionalliga in der nächsten Saison nicht wiedersehen werden, weil die ihre Zukunft in der Landesliga suchen werden. Dann sind da noch Dortmund und Diez Limburg. Dortmund kann verdientermaßen allein aufgrund der überragenden Zuschauerzahlen Spielern Gehälter zahlen, bei denen allen anderen Vereine nur Tränen in den Augen bleiben. Hier sind wir wieder beim vorher genannten Thema Zuschauer in Ratingen. In Diez Limburg gibt es private Sponsoren, die sich ihr Hobby einiges kosten lassen und daher in der Lage sind, ebenfalls gute und kostenintensiven Spieler zu verpflichten. Auch hier haben die Ice Aliens noch Luft nach oben. Wir haben in Ratingen einige Sponsoren zusätzlich gewinnen können, sind aber finanziell weit hinter den 3 Vereinen, die ich vorhin erwähnt habe. Bei uns hat jeder Spieler, also auch die Importspieler, einen Hauptjob oder studiert, jeder Spieler ist von uns im insgesamt durchschnittlichen Minijob-Bereich verpflichtet worden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich bei der Firma Getränke Neubert, beim Garten- und Landschaftsbau Mike Beckers und besonders bei der Firma Molyduval für ihre großartige Unterstützung hinsichtlich der Vollzeit-Arbeitsplätze für unsere Importspieler bedanken. Ein Gang in die Oberliga ist für uns wirtschaftlich nicht realisierbar, da wir die Zukunft und Struktur unseres familiären und gesunden Vereins nicht um jeden Preis aufs Spiel setzen werden. Ein Verbleib in der Regionalliga hängt letztendlich von der Zusammenstellung der Liga ab. Wir verfügen durch eine gute Basis immer noch über die Mittel, um Spielern zumindest für Ihren Aufwand eine angemessene Entschädigung zu zahlen, was andere Vereine in dieser Liga noch nicht einmal leisten können. Hier kann es sportlich auch schnell langweilig werden. Ich denke, dass wir, die Vereine der derzeitigen Regionalliga, keinerlei Mitsprache zur zukünftigen Gestaltung einer sinnvollen Regionalliga haben, da unser Verband das alles allein entscheidet. Da sehe ich auch keine Veränderung.

Zur Personalie Tim Brazda:

Der Abgang bzw. die Kündigung von Tim Brazda hat mich persönlich sehr schockiert und mitgenommen, ich habe mir nicht vorstellen können, dass es einmal so endet, für mich war der Name Brazda immer untrennbar mit dem Ratinger Eishockey verbunden. Umso schockierter war ich über die Berichterstattung der Rheinischen Post, diese Art Journalismus soll den Verein diskreditieren und in ein negatives Licht rücken. Da bin ich sehr enttäuscht. Leider entspricht die Berichterstattung aber auch nicht ganz den Tatsachen. Tim hat in der laufenden Saison bei uns leider nicht so performt, wie er und wir es von ihm gewöhnt sind. Das hat bei ihm wohl großen Frust ausgelöst, zusätzlich durch die Tatsache, dass er nicht mehr unangefochten in der ersten Sturmreihe aufgestellt wurde. Da konnte ich seine Unzufriedenheit in seinem Verhalten lesen. Von einem Kapitän und einem Führungsspieler seiner Qualität und Klasse erwarte ich etwas anderes, nämlich auch in schwierigen Situationen voraus zu gehen und die Mannschaft zusammen zu halten. Eigene Ansprüche vielleicht ausnahmsweise einmal hinten an zu stellen. War für ihn offensichtlich nicht möglich. Tim hat neun Jahre lang ununterbrochen in Ratingen Eishockey gespielt, das ist eine ziemlich lange Zeit. Wenn sich jemand unwohl oder nicht ausreichend gewertschätzt fühlt, dann hält er die Zusammenarbeit in der Regel nicht so lange aus. Tim hat jede Saison alles vom Verein bekommen, was er wollte und brauchte, jede Saison ein Paar neue Schlittschuhe seiner Wahl, speziell für ihn angefertigt Custom - Schläger, sowie alle anderen Ausrüstungsgegenstände. Tim hatte auch immer einen Vertrag, der sich in einigen Punkten von allen anderen Verträgen unterschieden hat. Er hatte diesbezüglich nie einen Grund, sich zu beschweren. Alle anderen Behauptungen sind nicht wahr.

Tim war, so hat er es mir selbst erzählt, bereits seit einiger Zeit im Kontakt mit Dortmund, da spielt für Tim meiner Meinung nach auch das Geld eine Rolle. Er hat mir in Gesprächen gesagt, dass er vom Geld, dass er in Dortmund bekommt, einen prima Urlaub machen kann. Eine blaue Mülltüte ist sicher nicht der Gradmesser meiner Wertschätzung für Tim, sondern einfach eine pragmatische Lösung zur Lagerung seiner Utensilien. Überspitzt gesagt, war gerade kein Geschenkpapier mit Schleife drum verfügbar.

Zur Zukunft der Ratinger Ice Aliens:

Wir haben versucht, unsere Organisation in Ratingen um die sportliche Seite herum in den letzten Jahren zu verbessern, es ist aber auch kein Geheimnis, dass es hier noch Defizite gibt und wir z.B. immer noch auf der Suche nach einem ersten Vorsitzenden sind. Leider gibt es scheinbar in Ratingen nicht so viele potentielle Kandidaten. Wir sind trotzdem weiterhin auf der Suche. Es fehlt uns auch immer noch ein Mannschaftsbetreuer, der in der Woche Zeit für die Mannschaft hat. Die Suche in den Medien, sowohl redaktionell als auch über Social Media, hat leider noch zu keinem Erfolg geführt. Wir sind in Ratingen vom Goodwill der Stadt Ratingen abhängig, z.B. auch bei den Trainingszeiten. Unsere Trainingszeit am Donnerstag um 18:15 Uhr ist definitiv zu früh. Alle unsere Spieler sind berufstätig und kommen aus Krefeld und Umgebung oder sogar aus Köln und Umgebung. Viele Spieler, die gern bei uns spielen wollten, haben aufgrund der viel zu frühen Trainingszeit abgesagt. Das ist natürlich ein großes Problem, auch für die Zukunft der ersten Mannschaft. Wir brauchen zwei Trainingszeiten in der Woche für eine vernünftige Vorbereitung und einen vernünftigen sportlichen Rhythmus. Da besteht für uns als Vorstand dringender Gesprächsbedarf mit der Stadt Ratingen. Hierzu haben wir bereits eine Anfrage gestellt und warten auf einen Termin. Wir hoffen auf personelle Verstärkung im Vorstand und in unserem Umfeld, wir werden für die nächste Saison verstärkt versuchen, die Zuschauerzahlen bei Heimspielen zu verbessern und wünschen dem Verband ein gutes Händchen beim Zusammenstellen einer vernünftigen und rational nachvollziehbaren Regionalliga.